30. April 2020 |8 Min.

Welten nach COVID-19

                

In Krisenzeiten fangen wir an unsere Routinen zu hinterfragen oder bestehende Systeme stärker herauszufordern. Was uns vor allem beschäftigt, ist die Zukunft unserer Lebensmittelwertschöpfung und unserer Esskultur, weshalb wir uns mit den möglichen Zukünften nach der Coronakrise auseinandergesetzt haben. Wichtige Stellschrauben für ein zukunftsrelevantes Lebensmittelsystem sind die Zusammenarbeit von Konsument*in und Produzent*in und die lokale oder globale Ausrichtung der Gesellschaft und der Industrie. Mit verschiedenen Kombinationen dieser Aspekte haben wir vier extreme Zukunftsszenarien aufgestellt. Dabei werden durch das Überspitzen der möglichen Realitäten die Werte und Ausprägungen greifbar. Das Extreme zeigt auf, welche Aspekte erstrebenswert sind und welche vielleicht nicht, und hilft uns dabei, uns zu positionieren. Keines von den Szenarien beschreibt für uns eine Zukunft, welche wir voll und ganz anstreben. Am Ende ist es immer eine ausgewogene Mischung, die eine Realität lebbar macht, nicht die dogmatische Ausführung von Extremen. Mit Momentaufnahmen und visuellen Einblicken haben wir hier die Zukunft für euch!

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Gestern habe ich mit meinem Avocadobauern aus Chile gesprochen. Ich brauche in meiner global, saisonalen Ökokiste nächste Woche mehr Avocados. Die Woche steht nämlich ein großes Essen an, bei dem es Misosuppe mit Maultaschen als Vorspeise, Angussteak mit Okra und Gyoza und als Nachtisch Sauerrahmcreme mit Avocadomus und Hibiskusblüten geben soll. Meine Oma ist auch dabei, und hat sich schon über das Menü aufgeregt. Sie sagte, früher gab es noch eine deutsche Esskultur. Gerichte, die in einer Region verankert waren! Die deutsche Küche war zwar oft etwas schwer und die Ernährung nicht extrem divers, aber man konnte so die Zugehörigkeit zu der Nation einfach mitessen.

Diese Zugehörigkeit ist mir heute egal. Ich fühle mich hier nicht mehr zu Hause, als überall anders auf dem Planeten. Mit der Gründung des globalen Staates wurde aus allen nationalen Eigenheiten das Beste genommen. Es gibt eine neue Weltkultur und eine neue Heimat – eine für alle. Und seitdem alles eins ist durch maximale Vernetzung, bekommt jeder von allem die ganze Zeit das Beste. Deshalb schmeckt auch reife Mango für mich nach Heimat.

Ich mache jedes Wochenende virtuelle Spaziergänge auf der Avocadofarm und in der Normandie, wo ich drei Kühe adoptiert habe. Ich kann ganz einfach von jeder Landwirt*in meine Produkte kaufen. Ich muss mich nicht mehr auf mein ursprüngliches Land beschränken, in dem ich im Winter nichts außer Kartoffeln und Sauerkraut bekomme und muss nicht dem Einzelhandel vertrauen.

Mit der Krise wurde einfach klar, dass das digitale, personalisierte Lebensmittelsystem die einzige Möglichkeit ist, alle sicher zu versorgen und gleichzeitig das Risiko der Produktion auf Konsument*in und Produzent*in zu verteilen. Dabei sollte natürlich nicht der Weltmarkt untergehen. Die Beziehung zwischen Konsument*in und Produzent*in wurde so vertraut, egal, ob diese am anderen Ende der Welt waren, dass regelmäßige persönliche Besuche und Mithilfe global so zunahmen, dass es wegen den CO2-Einschränkungen irgendwann nicht mehr ging. Damit nahmen die virtuellen Besuche stark zu. Auch ok!

Das Gespräch mit dem Avocadobauern war wieder sehr schön. Ich musste diese Woche noch ein paar ähnliche Gespräche führen wegen des anstehenden Essens. Ich war aber auch etwas überfordert mit der Kommunikation. Die eigene Ernährung gemeinsam mit den Produzent*innen und Verarbeiter*innen zu planen, kann etwas mühsam sein. Nun freue ich mich schon darauf, nächste Woche wieder die Standardeinstellungen des Healthtrackings zu nutzen. Das wählt einfach automatisch nach meinem Nährstoffbedarf die wöchentliche Lieferung aus. Hoffentlich sind wieder Mangos dabei.

Nach den vielen Avocados diese Woche muss ich allerdings etwas mehr auf meinen CO2-Fußabdruck achten. Mit meiner digitalen Wertschöpfung kann ich das ganz einfach tracken und noch einlenken, bevor ich wieder eine Strafe wegen Übertretung der Individualgrenzwerte bekomme.

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“Amsel, Drossel, Fink und Star..” oder wie ging das Lied? Ich höre sie in jedem Fall alle. Jeden Morgen, wenn ich mit meinem Muckefuck durch die Wiese spaziere. Vor einigen Jahren hatte ich noch Angst, dass sie mir alle wegsterben zusammen mit den Insekten. Ich könnte mir niemals vorstellen, woanders zu leben. Ich werde hier sterben, wo ich geboren bin. Ich könnte auch niemals meinen Verein verlassen, oder meine Hühner, mit denen ich dank dem digitalen inter-Spezien-Übersetzer eine sehr tiefe emotionale Verbindung habe.

Mittlerweile ist die gesamte Gemeinde genossenschaftlich organisiert und auch die Landwirtschaft ist solidarisch. So können wir uns auch die ganzen Geräte für das Precision Farming leisten. Letzte Woche habe ich uns sogar für den Autarkie-Award angemeldet. Auch weil wir nicht nur uns versorgen, sondern auch einen großen Anteil für Berliner produzieren. Da wir alle digital vernetzt sind, wissen wir immer genau, wer was braucht. Hier bei uns und auch in der Stadt. Letzte Woche habe ich im Gegenzug für unsere Produkte wirklich guten Fisch aus den Aquaponics vom Berliner Dachfischverband bekommen und auch saftiges Brot von so einem hippen Kiezbäcker. Dieser Tauschhandel funktioniert ganz gut. Und wenn nicht, sind Cryptocoins auch immer wertvoll. Wir sind hier in der Region zwar auch sehr gut am Land vernetzt mit den Mostereien und Mühlen, aber die Stadt bringt doch immer wieder innovative Produkte aufs Land – es ist eine gute Symbiose.

Für mich ist die Aufgabe von den ländlichen Regionen auch vielmehr, das heimische Saatgut zu schützen und zu pflegen, um sortenreine Rohstoffe produzieren zu können. Keiner will hier im brandenburgischen Landkreis bayerisches Saatgut haben, das passt nicht zu unseren Böden, genauso wenig wie die Weißwurst zum Grünkohl. Lieber jeder für sich, mit dem, was es um ihn herum gibt und was traditionell verankert ist. Am Ende haben wir sonst wieder zu viel Gülle in Norddeutschland und Vermaisung in Brandenburg.

Wenn die Berliner zu ihrem Monthly Farmwork kommen, frage ich mich auch immer wieder, wie wir früher zu dieser Zweiklassenwertschöpfung gekommen sind: Produzent und Konsument, bio und konventionell, völlig irre. Ich meine, es will doch auch jeder die Landschaft, in der er lebt, mitgestalten und keiner die Böden, auf denen wir stehen, auslaugen. Durch die KI-gesteuerte Bodenbearbeitung und Saatgutausbringung wird uns das Gottseidank auch nicht mehr passieren. Keine Ahnung, wie die das in Hamburg oder sonst wo machen, aber hier funktioniert es. Seitdem wir den Labskaus von der Karte in der Dorfkneipe gestrichen haben, haben wir sowieso keinerlei Verbindung mehr nach außen. Was zählt ist, dass es uns hier gut geht. Knieperkohl schmeckt sowieso besser.

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Ich gehe raus und höre die Stille. Ich höre keine Autos, keine Flugzeuge, keine Baustellen, nur ein leichtes Rauschen der Blätter auf dem Apfelbaum. Man sagt, es sei mittlerweile so still geworden, dass man das seismische Rauschen viel besser hören kann. Dann kriechen aber die Nachbarn auf ihre Balkone und man merkt doch, dass es noch viel mehr menschliche Aktivitäten auf dem Planeten gibt, als man es sich wünscht.


Ich stehe auf meinem Dach und trinke Brenesseltee, um wach zu werden. Kaffe war früher auch nicht schlecht. Jetzt liegen aber zu viele Grenzen zwischen mir und seinen Herkunftsorten – und man muss sich mal vorstellen, was alles an Dreck, Bakterien und Unrat mit dem Kaffee eingeschleppt sein könnte. Brennnessel ist etwas sicherer. Wächst hier in meiner alten Blumenkiste. Ich baue noch viel mehr an und habe schon fast einen Krieg angezettelt mit dem Nachbarn aus dem Hinterhaus – anscheinend habe ich viel mehr Dachfläche okkupiert, als mir zusteht. Dabei bekommt sein Teil des Daches viel mehr Sonne ab und die Tomaten wachsen wie verrückt. Wenn man sich umschaut, gibt es keinen freien Fleck. Weder auf den Dächern, noch an den Hauswänden – alles ist bewachsen mit essbaren Pflanzen und alles gehört jemandem. Auf der anderen Straßenseite habe ich seltsame Tomatensorten beobachtet und sogar Kiwis. Keine Ahnung, woher diese Nachbarn ursprünglich kommen. Ich fühle mich aber nicht ganz sicher mit dieser Exotik um mich herum. Wer weiß, wo sie das Saatgut herhaben. 

Auf dem Land stelle ich mir alles gerade viel idyllischer vor als in der Stadt. Freunde von mir sind nach Brandenburg gezogen und leben da in einer kleinen Gemeinschaft. Ich habe erst gehofft, sie werden mir ein paar heimische Samen schicken – aber nein, jetzt ist jeder für sich. Leicht fällt es ihnen auch nicht – sie lernen genauso langsam wie ich, wie man den Boden pflegt, welche Gemüsesorten man nebeneinander pflanzen kann oder dass es besser ist, die Pflanzen nicht bei praller Sonne zu wässern. Nach und nach bekommt man ein besseres Gefühl dafür, was die Natur von dir braucht, um produktiv zu sein. Man hat eigentlich ganz viel Zeit, um sich mit der Natur auszutauschen – viel Menschenkontakt ist gerade eh nicht möglich. Die auf dem Land sind viel mehr in der Natur. Aber auch viel mehr unter Menschen. Sie haben sich zwar auch von der Außenwelt abgeschottet, aber leben trotzdem noch mit 7 Menschen auf einem Grundstück. Das wäre mir etwas zu viel. Ich habe genug Probleme mit den Nachbarn hier.

Ich gehe wieder rein in die Wohnung – das Brot ist fertig. Ich bin früher ganz gerne zum Bäcker hier um die Ecke gegangen. Da es aber zu viele beim Bäcker waren, bin ich irgendwann nicht mehr hingegangen. Die anderen auch. Dann hat er zugemacht. Das Brot ist ganz gut geworden – es hat mehrere Monate gedauert, bis ich gelernt habe ordentlich zu backen. Ich hatte am ersten Tag der Quarantäne den Sauerteig angesetzt – jetzt habe ich zumindest einen weiteren lebenden Organismus hier in der Wohnung. Die Kruste ist dieses Mal genau richtig. Butter fehlt nur noch. Könnte ich auch selber machen, Milch gibt es aber nicht. Kühe gibt es nur auf dem Land und die Milch behalten die Ländler für sich.

Da schaut das Nachbarkind schon wieder über den Zaun – es hat wahrscheinlich das Brot gerochen. Schaut sich jetzt aber schon wieder meine Stachelbeeren an, die Gott sei dank noch nicht reif sind. Nächste Woche ziehe ich einen Stacheldraht.

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Ich komme zu spät zum Abendessen mit der Familie. Muss noch kurz runter zum Kühlbriefkasten, um das Essen abzuholen. Alle sind schon am virtuellen Tisch und warten auf mich. Ich muss das Essen noch kurz warm machen. Es gibt Gnocchi mit Zitronenbutter und süditalienischem Kirschtomaten-Chutney, Wildblumensalz und ein Mus aus Kosmopolitnussmischung. Zum Nachtisch Schokoeis mit heißen mediterranen Beeren. Es sind etwas viele Komponente, alle einzeln eingeschweißt, deswegen dauert es etwas zu lange, sie alle nacheinander in der Mikrowelle aufzuwärmen. Aber dafür ist alles desinfiziert – ich muss mir nur einmal die Hände waschen, wenn ich zu Hause ankomme und nicht jedes mal, wenn ich die Verpackungen anfasse. Ich setze mich hin, VR-Brille an, mein Vater meckert schon ganz unzufrieden und meine Schwester beschwert sich über die Hitze – sie steckt gerade in Südafrika fest, eigentlich schon seit dem ersten Corona-Ausbruch vor drei Jahren. Die Eltern haben sie nie nach Hause kommen lassen, hatten zu viel Angst vor den Viren und Bakterien, die durch die Reise alle in das Haus eingeschleppt werden könnten.

Vor allen steht ein identisches Essen – diesmal haben die Eltern ausgesucht. Sie dachten, dass die Tochter sich über gutes europäisches Essen freuen würde. Die Lieferzeiten sind auch ungefähr gleich in allen Ländern. In Südafrika dauert es vielleicht noch eine halbe Stunde länger als in Deutschland. “Das Schokoeis schmeckt fast genauso, wie im Kiosk um die Ecke!” – sagt meine Mutter. Sie ist immer so nostalgisch. Der Kiosk hat schon vor Jahren zugemacht, wie fast alle kleinen Läden, wo sie früher eingekauft hat. Da ist jetzt ein Amazon-Getränkelager. Die nutzen jede freie Ecke, damit sie noch schneller liefern können. “Können wir nicht nächstes mal was vom Produzenten bestellen?” fragt meine Mutter. Ich wüsste gar nicht, wie das funktionieren soll. Ich habe ein Abo bei Amazon, das mich jede Woche mit allem versorgt, was ich brauche. Eher die Basics und ein paar Snacks. Meine Schwester hat ein Premium-Abo. Sie bekommt Sachen, die etwas ausgefallener sind, aber ich verstehe gar nicht, wozu sie das braucht. Es ist doch viel zu komplex. So wie heute – ein Abendessen bestehend aus sieben verschweißten Beuteln.

“Ich hätte schon Lust, was für euch alle zu kochen” - wieder die Mutter. Meine Schwester sitzt in Kapstadt und ich bin auch ganze 12 Kilometer entfernt. Sowas macht man doch gar nicht mehr. Ich meine, ich würde mich gar nicht aus meinem Kiez trauen. “Und woraus willst du kochen? Frische Sachen sind seit fast einem Jahr nicht mehr im Sortiment bei Amazon! Bei Alibaba kriegst du vielleicht noch unverarbeitet Nüsse. Aber stell dir mal vor, was da alles an Bakterien und Viren dran sein kann. Ich mache da ganz bestimmt nicht mit”. Bakterien waren wohl mal ein Bestandteil unserer Diät – sie waren in vielen Verfahren involviert. Jetzt ist sowas natürlich nicht denkbar. Einfach ekelhaft.

Mir ist das alles zu viel. Heimlich bestelle ich mir ein Bier bei dem Getränkeservice, ein großes. Schon in 4 Minuten schwebt die Drohne vor meinem Fenster mit der Flasche. Schneller, als ein Krankenwagen. Ich schalte den Hintergrund unseres Meetings auf den karibischen Strand, lehne mich zurück und versuche nicht mehr zuzuhören.