18. Apr 2019 | 4 Min.

Vakuum Kreuzberg 36? Warum Aldi nicht die Lösung ist.



Mit Spannung beobachten wir die Debatte um gutes Essen für alle im Kreuzberger Kiez um die Markthalle Neun. Wer hätte gedacht, dass Menschen in Kreuzberg mal für den kapitalistischen Großkonzern Aldi auf die Straße gehen?

Die Argumentation der Aldi-Verfechter mal vereinfacht zusammengefasst: Die Markthalle Neun vertreibt leckeres, aber teures Essen, das sich nur Gutverdienende mit dickem Portemonnaie leisten können, wohingegen Geringverdiener aus dem Kiez sich dieses “Luxus Food” nicht leisten können und auf die Billigangebote bei Aldi angewiesen sind. Die Lösung liegt auf der Hand: Jede*r hat das Recht auf billiges Essen von Aldi - Gerechtigkeit, Solidarität und gegen die mit dem Geld! Aber moment mal… gerecht für wen? Solidarisch mit wem? Und haben die Leute, die in der Markthalle einkaufen wirklich soviel mehr Geld, oder vielleicht eine andere Wertschätzung für Lebensmittel?

Worum geht es in dieser Debatte? Wenn wir das Thema Gentrifizierung mal ausklammern (siehe Fußnote), bleibt die Diskussion um die Lebensmittelnahversorgung. “Wir finden grundsätzlich eine Entwicklung hin zu mehr biologisch und regional produzierten Lebensmitteln gut. Diese darf aber auf keinen Fall den Ausschluss von Menschen mit geringem Einkommen zur Folge haben.” formulieren die Initiator*innen der Pro-Aldi Proteste. Wollen also nicht eigentlich alle Beteiligten das Gleiche - gutes Essen für Alle? Und wenn ja, kann Aldi dann wirklich Teil der Lösung sein?

Um basierend auf dieser Prämisse eine Diskussion zu führen, müssen wir erstmal zwei Fragen klären: A) Was ist gutes Essen? Und B) Wer sind Alle?

Wenn wir von gutem Essen sprechen, dann reden wir von Lebensmitteln, die erstmal lecker sind, außerdem gut für den Konsumenten und dessen Wohlbefinden sind, aber auch von Lebensmitteln, die in Einklang mit Mensch, Tier und Natur produziert werden. Wenn bedrohten Tierarten durch die Abholzung des Regenwalds die Lebensgrundlage genommen wird, damit massenhaft Ölpalmen für die Herstellung von Palmöl angebaut werden können, hat das mit gutem Essen nichts mehr zu tun. Auch das Aldi Schweineschnitzel XXL für 3,99 mit der Haltungsklasse 1 ist von gutem Essen weit entfernt! Die Schweine erblicken nie das Tageslicht, stehen eingepfercht auf weniger als 1qm pro Schwein und haben quasi keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Und was der massenhafte Fleischkonsum mit unserer Umwelt macht, sollte inzwischen auch weitreichend bekannt sein. Ganz zu schweigen davon, ob das Schweineschnitzel überhaupt noch etwas mit Genuss zu tun hat. Das ist nur ein kleiner Teil von dem, was in unserem System Essen falsch läuft.

Und wer sind jetzt die „Alle“, von denen wir immer reden? Alle, das sind nicht nur die Menschen in unserem primären Umfeld, sondern auch all jene, die wir nicht sehen, die aber direkt oder indirekt in die Produktion und den Konsum unserer Lebensmittel involviert oder davon betroffen sind. Beispielsweise die Bäuerin, die den Kaffee in Guatemala anbaut und dafür nur einen Bruchteil der finanziellen Erträge bekommt, aber auch die Mitarbeiter*innen in Deutschland, die für Mindestlöhne in der Lebensmittelbranche arbeiten, damit wir nach dem Motto „geiz ist geil“ einkaufen können. Wenn wir also wirklich gutes Essen für alle wollen, dann bezieht sich die Forderung nicht nur auf die Menschen entlang der Wertschöpfungskette, sondern auf die globale Welternährung und die Ungleichheit in der Versorgung. Weltweit hungern 800 Millionen Menschen - das sind 213 x so viele Menschen, wie in ganz Berlin leben! Gründe für weltweiten Hunger sind u.a. fehlende und erschwingliche Anbaufläche für Kleinbauern, zu geringes Einkommen, Klimawandel, Nutzung von Ackerflächen für den Anbau von Biosprit statt Nahrungsmitteln, Landgrabbing, unfruchtbare Böden u.a. durch Überdüngung und übermäßiger Fleischkonsum. Um den Bogen wieder zurück zu spannen: Die Gründe für den Hunger in der Welt hängen eng mit unserem System Essen und der Art und Weise, wie wir uns ernähren zusammen! Discounter wie Aldi, die Lebensmittel unter Wert und ohne Einpreisung ökologischer und sozialer Kosten vertreiben, tragen dieses System leider mit. Und davor dürfen wir die Augen nicht länger verschließen.

Das bringt uns zu der Zwischenbilanz: Aldi ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Auch ein steigendes Angebot an Bio-Produkten kann keine Antwort sein, solange die Gesamtausrichtung des Konzerns weiter das kaputte System Essen stützt und zu diesem beiträgt.

Die Markthalle Neun vereint unter ihrem Dach regionale Lebensmittelmacher*innen, die Essen sozial und ökologisch nachhaltig herstellen und den so dringend notwendigen Wandel bereits im kleinen angestoßen haben. Das Ergebnis sind Lebensmittel, in deren Preis sich faire Arbeitsbedingungen und -löhne, sowie umweltverträgliches Wirtschaften widerspiegeln. Das ist kein Luxus, sondern sollte die Norm sein. Zu der Frage, wie diese Lebensmittel auch der breiten Masse finanziell zugänglich gemacht werden können, leistet die Markthalle Neun bereits einen Beitrag und kann hier sicherlich gemeinsam mit den Bürger*innen weitere Möglichkeiten entwickeln. Sie kann diese Frage aber nicht alleine beantworten. 

An dieser Stelle lässt sich bereits feststellen: Die Markthalle Neun ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung.

Wenn wir soziale und gerechte Lebensmittelnahversorgung nicht im Vakuum Kreuzberg 36 diskutieren wollen, sondern den Blick für alles schärfen, was in die Diskussion und Abwägung einfließen sollte, dann geht es um viel mehr, als um den Standort eines Aldis. Im Raum steht nicht mehr und nicht weniger als die Frage danach, wie es möglich ist, das System Essen so umzukrempeln, dass “alle” Zugang zu “gutem Essen” entsprechend der oben angerissenen Definition haben.

“Gutes Essen für Alle” zu realisieren, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle gemeinsam anpacken müssen. Und solange Aldi und alle anderen Discounter diese Verantwortung nicht mittragen wollen - was sie durchaus könnten - sehen wir für sie keine Legitimation. Auch dann nicht, wenn ein ganzer Kiez inklusive der SPD auf die Straße geht.

Als Food Kompanions haben wir nicht die Antwort darauf, wie gutes Essen für alle machbar ist, aber mit jedem unserer Projekte suchen wir gemeinsam mit denjenigen, die es ernst meinen, nach Antworten und Lösungen.



Um dem Ganzen zumindest ein bisschen die Komplexität zu nehmen, haben wir das Thema Gentrifizierung und Mietenwahnsinn an dieser Stelle mal ausgeklammert - auch eine Riesenbaustelle, ganz klar. Aber unser Fokus liegt auf dem Thema Essen und dazu wollen wir uns äußern.