Apr. 9 | 4 Min. Lesezeit

Ostern - das Frühlingsfest in Krisenzeiten



Was steht dieses Wochenende an? Laut dem Neuen Testament ist Ostern das Fest der Auferstehung Jesu Christi, das traditionell mit Attributen wie gefärbten Eiern oder Hasenabbildungen gefeiert wird. Es gibt kein festes Datum für Ostern, denn der Termin wird vom Lunisolarkalender bestimmt und fällt auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond: dieses Jahr auf den 12. April. Allein die Terminfindung, die vom Vollmond abhängig ist, weist auf einen Zusammenhang mit einem natürlichen Ereignis hin, und somit auf einen heidnischen Ursprung des Festes.

Die heidnischen Feiertage hatten die Funktion, den Zyklus der Natur durch Rituale zu erklären und zu zelebrieren. Solche Rituale und Festlichkeiten unterstützen den Menschen dabei, nicht nur das eigene Leben durch Gemeinschaftsgefühl zu stabilisieren, sondern auch natürliche Zyklen zu verstehen und den Bezug zu ihnen zu erhalten. Letztendlich war man früher viel abhängiger von dem Naturzyklus als jetzt. Auch wenn die Natur oft durch Götter interpretiert wurde, war es wohl eher ein Weg sie zu vermenschlichen und so die eigene Kommunikation mit ihr zu ermöglichen.

Rituale haben jedoch nicht immer etwas mit dem Zufriedenstellen der heidnischen Götter und Geister zu tun. Manchmal haben sie schlichtweg einen pragmatischen Ursprung. So gibt es diverse Feste, die vor Beginn der Fastenzeit stattfinden: Karneval in Deutschland und den Niederlanden, Maslenitsa in Russland, Funkensonntag in manchen Teilen Deutschlands und in der Schweiz. Dabei haben sie viele Gemeinsamkeiten wie beispielsweise ein großes Feuer, an dem sich die Gemeinschaft trifft. Nicht selten wird darin eine Strohfigur verbrannt, deren Herkunft unterschiedlich interpretiert wird: es kann der Tod sein, eine Hexe, ein Sündenbock oder, wie in slawischer Interpretation, der Winter, von dem man sich verabschiedet. Die meisten Rituale beinhalten auch das Verstreuen der Asche über die Felder. Das soll nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch auf die Fruchtbarkeit des Bodens wirken. Es wird also nicht nur das Ende vom Winter gefeiert. Notwendige Vorbereitungen für den Frühling und das Erntejahr sind genauso ein Teil der Zelebrierung.

Ähnliche Riten gibt es an Ostern: im Osterfeuer wird manchmal eine Figur verbrannt, wobei es sich in dem Fall nicht um eine fiktive Gestalt oder die Repräsentation der Natur handelt, sondern um den Christusverräter Judas.[2] Die Asche aus dem Osterfeuer wird, ähnlich wie bei den oben beschriebenen Festlichkeiten, beim Säen mit der Saat vermischt. Unabhängig vom Osterfeuer ist Asche ein sehr gutes Düngemittel und soll zusätzlich das Haus vor Brand und Krankheit schützen. Solcher Aberglaube deutet ebenfalls auf die heidnische Herkunft dieser Tradition hin. Das Christentum hat also aus pragmatischen Gründen Feiertage für die eigenen Zwecke adoptiert. Ostern ist einer davon.

Wenn man nach Vergleichen in den verschiedenen Mythologien sucht, findet man Götter, die ebenso wie Jesus sterben, um im Frühling aufzuerstehen. Es handelt sich dabei jedoch um Götter, die die pflanzliche Welt verkörpern. Vegetationsgötter Adonis und Attis aus der griechischen und römischen Mythologie und Osiris, der ägyptische Gott des Jenseits, der Wiedergeburt und des Nils. All diese Götter durchlaufen eine Wiederauferstehung im Frühling und symbolisieren damit das Erwachen der Pflanzenwelt und die Wiederauferstehung des Lebens.

Die Osterriten in Griechenland, Sizilien und im Süden Italiens ähneln immer noch sehr den Riten, die für Adonis durchgeführt wurden[3]: ein Fest, währenddessen Pflanzen in Töpfe gepflanzt werden, um nach einer Woche in Gewässern ausgesetzt zu werden. Man hat geglaubt, dass dieses Ritual Dürre verhindert und für eine gute Ernte sorgen würde. Diese Traditionen sind also tief in der Menschheitsgeschichte verankert und Zeugnis von Glaube, kultureller Gemeinschaft und dem menschlichen Bezug zur Natur.

Kommen wir zurück zu Ostern – heute ist es ein christlicher Feiertag, der unter anderem mit Attributen verbunden ist, die für Fruchtbarkeit stehen und von der Religion als Symbol der Wiederauferstehung adoptiert wurden. Der Hase ist eines dieser Attribute. Er steht für Fruchtbarkeit aufgrund seiner schnellen Vermehrung und war aus genau diesem Grund auch das Symbol der germanischen Frühlingsgöttin Eostrae, deren Existenz allerdings sehr umstritten ist. Das wiederum führt zu der Theorie, dass das Wort “Ostern” von „Eostrae“ abstammt. Dann wären da noch die Eier. Auch sie sind ein Symbol von Ostern und stehen für Fruchtbarkeit. Nicht nur im christlichen Oster-Kontext sondern auch in anderen Kulturen in festlichen Frühlingszeremonien wie dem Nowruz - einem persischen Neujahrsfest. Dort gehören gefärbte Eier auf die Haft Sin Tafel. Huevos Haminados sind gefärbte Eier aus der sephardisch-jüdischen Kultur und in Bosnien gibt es ein Fest des Rühreis namens Cimburijada, das ebenso am ersten Frühlingstag gefeiert wird und Eier als Symbol hernimmt.

Egal in welchem Rahmen der Beginn des Frühlings oder andere Ereignisse der Natur gefeiert werden, geht es immer darum, die Höhepunkte der Jahreszeiten wahrzunehmen und zu zelebrieren. Feiertage wie Ostern markieren den Wechsel der Jahreszeiten und damit die Vegetations- und Erntezeiten. Sie weisen uns damit auf die ursprünglichen Zyklen unserer Ernährung hin. Vor allem im modernen städtischen Leben mit wenig Bezug zu der Lebensmittelproduktion, die recht unsichtbar geworden ist, ist es von kultureller Bedeutung, den Bezug zu diesem Rhythmus durch Rituale aufrecht zu erhalten. Vielleicht sind die Osterriten jetzt umso wichtiger. Zu Zeiten von Corona, wo wir uns unfreiwillig nur innerhalb der städtischen Grenzen bewegen, mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen und dadurch von dem Frühling weniger mitbekommen als sonst. Die Feiertage und Rituale schaffen nicht nur Bewusstsein für die Saison, sondern auch für saisonale Produkte: sei es Spargelessen, die slawische Butterwoche als Marker für den Beginn der neuen Milchsaison nach dem Winter oder das Beaujolais Nouveau Festival nach der Weintraubenernte in Frankreich. In Zeiten, in denen jede Art von Obst und Gemüse 24/7 zu jeder Jahreszeit verfügbar ist, bringen diese festgelegten Saisons einen Jahresrhythmus in unsere Ernährungsgewohnheiten. Entsprechend sind viele Feiertage und Rituale ein zeitlicher Anker im Jahr, verknüpft mit bestimmten Mahlzeiten, die saisonal sind und damit einen Bezug zur Jahreszeit und Kultur schaffen. Rituale, und so auch Ostern, sind also noch heute Ereignisse, die Menschen wieder mit den natürlichen Zyklen der Natur, sowie Menschen miteinander verbinden. Also zelebriert gebührend dieses Jahr Ostern, auch wenn es sicher anders als euer gewohntes Ritual sein wird.


1 - J. G. Frazer, The Golden Bough, p. 353, The Fire-Festivals of Europe
2 - J. G. Frazer, The Golden Bough, p. 540, Easter Fires
3 - J. G. Frazer, The Golden Bough, p 320, The garden of Adonis