15. Dezember 2020 | 10 Min.

“Es ist bald Weihnachten, wir brauchen einen Baum!” 



In der Stadt, eingepackt in Netze an jeder 10ten Straßenecke oder auf der Plantage in Reih und Glied, so kennen wir den Weihnachtsbaum bevor er “hyggelig” im Wohnzimmer steht – Entkoppelt von seinem Produktionssystem. Kurz vor dem Kauf erscheint die Vielfalt an Weihnachtsbäumen dann doch nochmal groß: Es gibt teure und günstige, große und kleine, biologische, FSC zertifizierte, aus konventioneller Bewirtschaftung, Weihnachtsbäume im Topf oder aus Plastik oder Alternativweihnachtsbäume, die gar keine Bäume mehr sind. Am Ende sind allerdings rund 80% davon Nordmanntannen, die übrigens bis zu 500 Jahre alt werden könnten im Kaukasus oder Westasien. Bei uns dann 7-10 Jahre. Die Nordmanntanne entspricht anscheinend genau unserem Ideal von dem perfekten Weihnachtsbaum. Dabei hat sie wenig mit regionalem, selbst nationalem Baumbestand zu tun. Ähnlich wie der Weihnachtsmann, der ja auch aus den USA kommt: Zugegeben, beide gehören mittlerweile zu unserer Weihnachtsästhetik und sind dabei auch irgendwie sympathisch.


Die Frage bleibt: Wo kommen die Nordmanntannen für rund 24 Millionen Haushalte her? Zu 90% stammen die Bäume aus deutschen Monokultur-Plantagen und hier meist kultiviert mit Saatgut aus Georgien. Diese Kombination klingt nicht mehr so gemütlich und auch nicht nach einer nachhaltigen Weihnachtsästhetik. Dass Monokulturen, egal für welchen Anbau, ob Mais oder Weihnachtsbaum, weder Biodiversität noch Boden- oder Gewässergesundheit fördern, ist Fakt. Monokulturen sind Systeme, die sich nicht selbst erhalten bzw. regenerieren können. Sie funktionieren durch den Einsatz von chemischen Pestiziden, Herbiziden und Mineraldünger. Ganz schön ungemütlich!


Genauso wie bei Lebensmitteln, ändert sich allerdings auch das Angebot beim Weihnachtsbaum hinzu naturfreundlicherer Produktion. Es gibt immer mehr Weihnachtsbäume ohne den chemischen Boost, wie FSC oder biologisch zertifizierte, Bäume im Topf, oder auch Bäume, welche in die Lebensmittelproduktion integriert werden. Mit 1% aus biologischem Anbau und 90% konventionellen Weihnachtsbäumen sind die Alternativen jedoch bisher noch eine Nische.


Fakt ist allerdings auch, dass in den meisten Wohnzimmern zum Ende des Jahres ein Weihnachtsbaum steht: Möbel werden verrückt, der Weihnachtsbaumständer entstaubt und dann der Akt des geradestehenden Baumes vollzogen. Das gehört für Viele um uns herum zu Weihnachten! Den Ursprung hat der geschmückte Weihnachtsbaum wohl schon im Heidnischen. Hier waren immergrüne Pflanzen ein Symbol für Fruchtbarkeit und Lebenskraft, die zur Wintersonnenwende, dem 21.12. öffentlich oder am Haus aufgehängt wurden. Im 15. Jahrhundert trieben dann die Handwerkergilden die Tradition weiter: Es gibt Funde, dass der erste mit Lebkuchen und Äpfeln geschmückte Weihnachtsbaum in Freiburg von der Bäckerschaft stammt. So kommen Lebensmittelhandwerk und Weihnachtsbaum zusammen. Im 18. Jahrhundert wurde der Weihnachtsbaum populär für Haushalte und als Goethe ihn dann in “Die Leiden des jungen Werthers” 1774 erwähnte, wurde er irgendwie auch typisch weihnachtlich. Heißt, wir brauchen Weihnachtsbäume, weil es einfach gut riecht, schön leuchtet und wir uns irgendwie auf dieses Gesamtpaket von Weihnachten schon den ganzen grauen November und Dezember über freuen.


Das Gute dabei ist, dass Bäume, auch Weihnachtsbäume, viele Funktionen in einem landwirtschaftlichen System übernehmen können: Bäume verbessern das Mikroklima durch Verdunstung und Schattenspende, sie verbessern den Boden durch Nährstoffe, Humusaufbau und Tiefenversickerung, was vor Dürre und Erosion schützt. Sie  können in Pflanzengemeinschaften angebaut werden und bieten Lebensraum für Tiere – gar nicht so unwichtig, wenn wir den Klimawandel berücksichtigen.


Wie genau können also Weihnachtsbäume so angebaut werden, dass sie nicht allein in ihrer Monokultur stehen und in einer Pflanzengemeinschaft sowie einem System mit Wasser, Boden oder auch Tieren für unsere Gemütlichkeit an Weihnachten wachsen? Und wie können Weihnachtsbäume in unsere Lebensmittelproduktion integriert werden? Einige Pionier*innen zeigen, wie dies möglich ist. Wir haben mit einem landwirtschaftlichen Betrieb, “Gut und Bösel”, dazu gesprochen. Der Betrieb von Gut & Bösel liegt in Alt Madlitz, in Brandenburg, bewirtschaftet u.a. eine Weihnachtsbaumplantage und hat sich in einem Teil davon auch auf ein syntropisches Experiment mit Weihnachtsbäumen und Lebensmittelproduktion eingelassen. Im Interview haben wir mit Renke de Vries, Agroforstplaner bei Gut & Bösel, gesprochen. *

“Die ersten Ideen für ein effizientes landwirtschaftliches System kommen immer aus der Beobachtung der Natur und der Frage, wie man Ihr ähnliche, nachhaltige Nahrungsmittelproduktionssysteme gestalten kann !”




Interview mit Renke de Vries – Agroforstplaner bei Gut & Bösel
Was verbindest du mit Weihnachtsbäumen?
Hauptsächlich meine Kindheit, da habe ich den geschmückten Baum als Highlight geliebt. Dieses positive Verhältnis zum Weihnachtsbaum ist dann immer mehr gekippt, je älter ich wurde. Mit dem Weihnachtsbaum verbinde ich also auch den Irrsinn, sich jedes Jahr einen Baum zu fällen, den Anbau in Monokulturen und das Ende des Baumes auf der Straße, vielleicht sogar samt Lametta.


Was macht denn aktuell die Art der Weihnachtsbaumproduktion problematisch?
Zum einen der Umgang mit der Begleitvegetation, welche nicht als Teil des Systems, sondern als Gegner gesehen wird. Da die freien Bereiche unter den Bäumen nicht als Potenzial erkannt werden, kommt es zum Einsatz von Herbiziden und wie meistens bei einer Monokultur, die fernab des natürlichen Standortes ist, kommen Pilzkrankheiten und Insekten hinzu. Diese führen zu Verfärbungen und ähnlichen ästhetischen Mängeln beim Weihnachtsbaum, weshalb dann auch Fungizide und Insektizide eingesetzt werden. Und, je nach Standort, werden die Bäume auch bewässert, um schnell und gleichmäßig zu wachsen. Das sind die klassischen Probleme die im Ackerbau oder in Obstplantagen aufkommen, wenn man eine Monokultur pflanzt – das ist dasselbe bei Weihnachtsbäumen.


Wenn man nicht auf Monokultur setzt, welche Rolle können Bäume in der Landwirtschaft einnehmen?
Es geht darum nicht in einzelnen Kulturen zu denken, wenn man über die Bewirtschaftung einer landwirtschaftlichen Fläche nachdenkt. Es ist wichtig ein Ökosystem zu kreieren, von dem Bäume, also auch Weihnachtsbäume, ein Teil sind. So kann ein stabiles System entstehen, das verschiedene Einnahmequellen hat. Der Weihnachtsbaum trägt dann auch zur Diversifizierung der Produktpalette des Landwirtes bei und durch diese Produktvielfalt entsteht auch eine Sicherheit im Absatz.


Wie können landwirtschaftliche Flächen zu Systemen mit Bäumen bzw. Nadelbäumen werden?
Der erste Schritt ist da immer die Beobachtung der Vegetation, des Bodens am Standort und um den Standort herum, also dem natürlichen Habitat, um zu entscheiden, ob die angestrebte Weihnachtsbaumkulturen in dem Ökosystem sinnvoll wären und wenn, dann in Kombination mit was. Beispielsweise ist es wichtig, wie hoch der PH-Wert des Bodens ist oder auch wie die Pflanzen natürlich hochkommen, in der vollen Sonne oder unter anderen Bäumen. Wenn es ein kalkhaltiger Boden ist oder keine Baumschicht Schatten spendet, würden sich die meisten Weihnachtsbaumkulturen nicht sehr wohl fühlen, auch die Nordmanntanne nicht.

Schafft man ein Ökosystem als landwirtschaftliches System, pflanzt man Arten, die ertragreiche, standortgerechte Pflanzengemeinschaften bilden, wo jede Art bestimmte Funktionen hat. In Alt Madlitz setzten wir Birken, Eichen, Ahorn, Esskastanie und das, was uns die Natur hinsetzt, als Überhälter, also Bäume deren Krone über denen der anderen wächst, in die Weihnachtsbaumplantage. Die bringen dann u.a. die nötige Beschattung, wie ein natürlicher Vorwald. An Standorten mit mehr Niederschlag als in Brandenburg, wären Erlen als natürlicher Vorwald ebenfalls geeignet, die wiederum auch Stickstoff in das System bringen. So muss man sich also immer den Standort als Inspiration für das landwirtschaftliche System nehmen.


Jede Art hat bestimmte Funktionen in einem Ökosystem, welche Rolle spielen Nadelhölzer in einem landwirtschaftlichen System und mit was kann man sie gut kombinieren?
Nehmen wir ein Agroforstsystem. Einige Arten, wie z.B. Walnüsse, brauchen länger bis zur ersten Ernte als andere. Passt der Standort für Nadelbäume, können Weihnachtsbäume zusammen mit passenden Pioniergehölzen gepflanzt werden, um schneller eine Ernte auf der Fläche zu haben. Sie müssen also nicht dauerhaft im System einen Platz einnehmen, sondern können unter passenden Gegebenheiten ein Teil des Systems sein und vorhandene Lücken besetzen. Generell versauert die Streu der Nadelbäume den Boden leicht, weshalb man sie sehr gut mit Beerenfrüchten kombinieren kann, die auch in Wäldern unterhalb der Nadelbäume wachsen. Gut passen würden da Heidelbeeren, Brombeeren und Erdbeeren. Ansonsten erfüllen Nadelbäume all die genannten Funktionen die auch andere Bäume in das System bringen, sie bilden ein Mikroklima und fördern Nährstoffe aus dem Unterboden und schützen vor Erosion und Dürre.

Agroforstsystem

In welchen Systemen kann die Weihnachtsbaumproduktion nachhaltig eingebunden werden?
Es kommt immer als erstes auf den Standort an. Sinnvoll kann eine Weihnachtsbaumproduktion sein, wenn sie standortgerecht in ein Waldbaukonzept eingebaut wird oder in dazu passenden  Agroforstsystemen. Wir zum Beispiel streben an, unsere Plantage langfristig in ein Obst-Beerenproduktionssystem zu verwandeln, kombiniert mit Esskastanien und Werthölzern als Beschattung und mit Hühnermobilställen. So hätte man wieder verschiedene Einnahmequellen und eine Stabilität im System. Auch rotierende Tierhaltung kann unter Umständen eine gute Synergie ergeben. Zum Beispiel Schafhaltung oder Geflügelhaltung, allerdings nur, wenn man auch hier eine diverse, mehrschichtige Pflanzengesellschaft etabliert. So nutzt man die Photosynthese und Ressourcen der Fläche effizienter. Auch für das Klima ist es aufgrund der Wasserspeicherung und Kondensation in einem mehrschichtigen System besser.

Weihnachtsbäume können also durch Pflanzengemeinschaften und durch Tierhaltung mit der Lebensmittelproduktion verbunden werden. Welche Herausforderungen gibt es denn dann in diesen entstehenden Systemen?
Wichtig ist es die Ökonomie beim Planen des Systems im Blick zu haben. D.h. auch die mechanisierte Bearbeitung, weshalb es sich anbietet, die Anpflanzungen linear anzulegen. Eine weitere Herausforderung ist, dass auch die Produktpalette komplexer wird, wenn man ein System statt Monokultur auf der Fläche hat. Heißt, man braucht auch eine Vermarktung für all die Produkte. Diese diverse Produktpalette macht allerdings mehr Spaß und zum anderen bringt sie langfristig mehr Sicherheit.

Kopfbaumplantage 

Nun baut man diese Systeme, und am Ende muss der Weihnachtsbaum dann ins Wohnzimmer, wie kann das funktionieren?
Einmal durch selektive Entnahme, so ahmt man quasi den Prozess der natürlichen Selektion nach und bekommt Weihnachtsbäume ohne einen Kahlschlag. Und ansonsten auch durch mehrjährigen Weihnachtsbaumplantagen, damit experimentieren wir auch bei “Gut und Bösel”. Bei einer solchen Plantage aus Kopfbäumen, köpfen wir die Bäume auf ca. 1,80m und nutzen dann den Neuaustrieb als Weihnachtsbaum. Wir entnehmen also nicht den kompletten Baum, sondern nur seine Spitze. So bleibt die Bodenbearbeitung, welche nach der Weihnachtsbaumentnahme und vor der Neupflanzung kommt, aus. Der Trieb wächst schneller zum Baum, da er die Energie aus dem Wurzelwerk eines viel älteren Baumes hat. Auch unterhalb der Bäume können, ohne dass die Form des Weihnachtsbaumes beeinträchtigt wird, weitere Kulturen wie Beeren angelegt werden. Das ist eines der nachhaltigsten Systeme, wenn man Weihnachtsbäume als dauerhafte Nutzung auf einer Fläche haben möchte.

Syntropische Landwirtschaft

Bei Gut & Bösel sprecht ihr von einer syntropischen Weihnachtsbaumplantage, was bedeutet das?
In der syntropischen Landwirtschaft schaut man sich natürliche Prozesse an und orientiert die Landwirtschaft an den lokalen Ökosystemen. Man modifiziert die Prozesse so, dass man landwirtschaftlich den größten Nutzen daraus ziehen kann, ohne die natürlichen Mechanismen, die das Ökosystem stabil und nachhaltig machen, zu stören. Das funktioniert nicht mit einer Weihnachtsbaumplantage in Monokultur. Die Idee für unsere Kopfbaumplantage kam von Ernst Götsch. Er gab uns den Rat, die Weihnachtsbäume durch Beerenfrüchte und passende Mischbaumarten zu ergänzen und zudem die Weihnachtsbäume zu köpfen, was ebenfalls eine in Ökosystemen natürliche Form der Störung imitiert. Viele der Bäume, welche sich langsam als Überhälter über unsere Weihnachtsbäume strecken, wurden von den Vögeln gepflanzt, welche uns mit ihrer Arbeit wichtige Hinweise und Unterstützung liefern. Von der Struktur her haben wir nun das passende Waldrandhabitat für Hühner, welche hier eine Vielzahl von Insekten, darunter auch potenzielle Schädlinge, finden. Im kommenden Jahr wollen wir unsere noch recht kleine syntropische Testparzelle innerhalb der Weihnachtsbaumplantage erweitern. Es wird also bald immer mehr Weihnachtsbäume aus einem mehrjährigen und diversen Produktionssystem in Brandenburg geben.
“Man kommt in der Landwirtschaft zu ganz anderen Schlüssen wenn man davon ausgeht, dass die Natur sinnvoll ist, als wenn man ihr Willkür zuschreibt und Sie als Gegner betrachtet.”

Danke @Gut & Bösel und Renke de Vries!

Was meistens am Ende bleibt, auch nach dem gemütlichen Fest mit dem Weihnachtsbaum aus syntropischer Bewirtschaftung, ist die Biomasse. Die kann im Zoo verfüttert werden – Berlin macht aus den gesammelten Bäumen Strom und Fernwärme für circa 500 Haushalte für 1 Jahr. In Leipzig werden sie zu Humus, in München zu Spanplatten. Wir hoffen weiter, dass es bald immer mehr nachhaltige Weihnachtsbaumplantagen geben wird, in Brandenburg und auf der Welt!




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Quellen: