23. Jul 2020 | 4 Min.

Die Gemeinschaftsgetragene Bäckerei



Wie ihr ja wisst, liegt uns das Lebensmittelhandwerk sehr stark am Herzen: Wie kann man Tradition und Innovation im 21. Jahrhundert vereinen? Wie viel Digitalisierung macht in einem Handwerksbetrieb Sinn? Wie können die Lebensmittelhandwerksberufe wieder attraktiver für die jüngeren Generationen werden? Das sind nur ein paar Fragen, die uns in diesem Bereich regelmäßig umtreiben. Und so sind wir im Rahmen unserer Projekte mit dem Backhandwerk auf ein spannendes Konzept gestoßen: die gemeinschaftsgetragene Bäckerei. Ein Wirtschaftsmodell, das sich am Gemeinwohl orientiert.

Um besser zu verstehen, wie das funktionieren kann, haben wir mit Sophie Löbbering gesprochen. Sie ist Organisationsentwicklerin und Moderatorin und hat gemeinsam mit Christoph Spahn und anderen interessierten Akteur*innen das CSX ThinkTank-Netzwerk ins Leben gerufen. MIt dem Ziel neue Wege einer Grundversorgung durch gemeinschaftsgetragene Organisationen zu fördern.  


Die Gemeinschaftsgetragene Bäckerei oder Community Supported Bakery (CSB) - was genau steckt hinter diesem Konzept?
Dahinter steckt die Idee, die Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft - auch “community supported agriculture” genannt - auf andere Versorgungsfelder zu übertragen. Wir beschäftigen uns stark mit der Lebensmittelverarbeitung, da es der nächste logische Schritt nach der Erzeugung der Lebensmittel in Bezug auf die Wertschöpfungskette ist und weil wir aus der Bio-Branche kommen. Die solidarischen Landwirtschaften erfahren seit mehr als 10 Jahren großen Zulauf. Immer mehr Initiativen werden gegründet. Diese sehr rasante und positive Entwicklung braucht es auch in anderen Bereichen. Daher kam uns die Idee auch Metzgereien oder Bäckereien gemeinschaftsgetragen aufzustellen.

Was hat dich Sophie dazu gebracht dich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Letztlich war es Christoph Spahn - mein heutiger Chef - der mich zu diesem Thema gebracht hat. Ich war auf der Suche nach einem Masterarbeitsthema. Gleichzeitig hatte er Fragen, die ihn nicht losgelassen haben. Bei einem Kaffee hat sich dann herausgestellt, dass ich erforschen könnte, wie eine solidarische Bäckerei in Deutschland funktionieren könnte und was es bisher an Beispielen gibt. Daraufhin habe ich eine Literaturrecherche durchgeführt, wie viele solidarische Bäckereien bereits existieren und wie diese organisiert sind. Es stellte sich heraus, dass nur zwei Bäckereien in Deutschland den Versuch der 100%igen Übertragung gewagt haben und eine weitere Bäckerei einen Teil ihrer Vermarktung solidarisch umgestellt hat.

Warum braucht es solche Wirtschaftsmodelle?
Wir glauben, dass der Kapitalismus und unsere freie Marktwirtschaft, wie sie derzeit konzipiert ist, uns nicht gut tut. Dass wir mit unserem Konsum und unserem Verhalten tagtäglich die planetaren Grenzen überschreiten. Wir können dieses “immer weiter, immer höher” nicht ewig fortführen, weil wir uns, unsere Mitwelt und unsere Umwelt damit zerstören.

Wie kann eine Wirtschaftsform wie der Kapitalismus langfristig funktionieren, die uns suggeriert, dass wir etwas brauchen, dass wir niemals haben wollten? Eine Wirtschaft, die kollabiert, weil wir ein paar Wochen nur das kaufen, was wir wirklich brauchen?

Das ist doch Grund genug, um sich nicht nur Gedanken über neue Formen und Wege zu machen, sondern diese auch schnellstmöglich umzusetzen und zu testen. Dafür treten wir an.

Welchen Vorteil hat eine Unternehmer*in von diesem Wirtschaftsmodell im Vergleich zur konventionellen Herangehensweise? 

Gemeinschaftsgetragen Wirtschaften bedeutet, Sicherheit zu bekommen, weil eine Community dich als Unternehmer*in trägt und Ressonanzraum für die Weiterentwicklung des Unternehmens ist. Diese Wirtschaftsgemeinschaft aus Konsument*innen und Anbietenden teilt sich die “Ernte” (das kann ein Produkt oder eine Dienstleistung sein) aber auch das Risiko der Unternehmung. So erhalten wir als Konsument*innen wieder 100% Transparenz über Produkte und Dienstleistungen, die verloren gegangene Nähe zum Anbietenden und Verantwortungsgefühl dem Anderen gegenüber. Das sind nur ein paar der Vorteile, die durch diese Idee entstehen. Für den Bäckereibereich beispielsweise ist es auch ein großer Vorteil, genau zu wissen wie viele Backwaren produziert werden müssen, da sich das bisher bestehende Problem der Überproduktion von selbst auflöst.

Was machst du heute mit dem Thema?
Christoph Spahn und ich haben vor zwei Jahren einen ThinkTank gegründet, der sich mit dem gemeinschaftsgetragenen Wirtschaften beschäftigt. Hier diskutieren wir mit Wissenschaftler*innen, Berater*innen und Praktiker*innen über neue Praxisbeispiele, die sich ihrer Vorreiterrolle bewusst sind, aber natürlich viele Fragen mitbringen. Wir versuchen Antworten zu suchen und zu helfen. Wir koordinieren und moderieren diese Treffen und den regelmäßigen Austausch der Menschen. Und wir sind dabei, eine peer group zu bilden, die sich gemeinsam auf den Weg macht, um community supported bakeries zu gründen.

Wer kann sich und vor allem wie an euch wenden?
An uns kann sich erstmal jede*r wenden, die oder der Lust hat, diese Idee weiterzudenken oder in die Praxis umzusetzen. Zudem freuen wir uns natürlich sehr, wenn wir Bäcker*innen finden, die sich aufmachen wollen, um ihre Unternehmung neu zu gestalten oder ganz neu zu gründen.

Wie genau sieht dann der Prozess aus? Womit fangen interessierte Bäcker*innen an und wie kommt man am Ende zu seiner physischen Bäckerei?

Es gibt verschiedene Optionen für interessierte Bäcker*innen. Zum einen bildet sich mit der AG solidarische Bäckerei gerade eine Gruppe, die diesem Thema Raum gibt, gemeinsam CSB Projekte besucht und über das Erfahrene im regelmäßigen Austausch steht. Zum Anderen ist es möglich, sich unserer Peer Group anzuschließen. In dieser Gruppe finden sich 4-8 Personen zusammen, die gemeinsam mit Christoph und mir ganz konkrete Gründungs- oder Umstellungsvorhaben vorantreibt. Zuerst arbeiten wir kreativ an den Projektideen und finden dann Lösungen für aufkommende Herausforderungen.

Was möchtest du uns noch mitgeben?
Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind, deshalb braucht es komplett neu gedachte Lösungen - das solidarische Wirtschaften ist vielleicht eine davon.
Wenn viele Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann werden sie gemeinsam das Gesicht der Welt verändern.



Es gibt sie schon, die gemeinschaftsgetragenen Bäckereien!

Wie von Sophie erwähnt, gibt es bereits einige - wenn auch wenige - gemeinschaftsgetragene Bäckereien in Deutschland. Eine davon ist das Backhaus der Vielfalt in Freiburg im Breisgau. Der Verein backt regelmäßig im Holzofen Brot für seine Mitglieder. Dafür entscheidet man sich zu Beginn seiner Mitgliedschaft für 1kg oder 0,5kg Laibe und bekommt wöchentlich ein Überraschungsbrot. Außerdem setzt sich das Backhaus für Inklusion ein, sodass auch unterstützungsbedürftige Menschen am Arbeitsleben teilhaben können.

Wenn ihr eine solche Initiative unterstützen wollt, dann könnt ihr z.B. Kathrin Schubert dabei helfen ihr Vesper Stüble in Hannover mit einem Holzbackofen auf die Beine zu stellen. Die ehemalige Industriemechanikerin und Verpackungstechnikerin hat sich vor einigen Jahren dazu entschlossen, dass sie lieber in der Backstube stehen statt am Computer sitzen will und ist seit 2019 nun Bäckermeistern. Helft ihr dabei eine weitere gemeinschaftsgetragene Bäckerei aufzubauen und unterstützt ihre Kampagne hier: https://vesperstueble.wordpress.com/

Wenn euch das Lust gemacht hat, selber eine gemeinschaftsgetragene Lebensmittelverarbeitungsstätte ins Leben zu rufen, dann meldet euch direkt bei Sophie unter: sophie@christophspahn.de.

Alternativ könnt ihr auch erstmal in das Thema reinschnuppern und an einem der Webinare der AG Solidarische Bäckerei am Montag, den 27.07. oder am Dienstag, den 18.08. jeweils von 16:30 - 18:00 Uhr teilnehmen. Diese Initiative ist eine Kollaboration zwischen Christoph Spahn und den Freien Bäckern. Anmeldung unter: june@die-freien-baecker.de.