März 6 | 3 Min. Lesezeit

Bio Boom oder Bio Bubble?



Eine Perspektive von der Biofach 2020

Nähert sich eine Zeit, in der Bio Nischenphänomen war, nun ihrem Ende? Während unseres Besuchs auf der Biofach 2020 ist es denkbar: Wenige Tage halten wir uns in einem Mikrokosmos auf, in dem Bio selbstverständlich ist. Das zu erleben, gibt Mut, denn es macht eine Zeit greifbar, in der ein solches Verständnis gesamtgesellschaftlich wird. Wir hören jedoch öfter den Begriff der “Biofach-Bubble”. Dieser Begriff impliziert noch immer eine Nische, eine abgegrenzte Welt von Insider*innen. Dabei sind sich doch so viele einig, dass die Gesundheit von Boden bis Tier, vom Grundwasser bis zum Menschen eigentlich normal sein sollten. Warum werden dann “Bio” und “Konventionell” immer noch als Gegensätze gesehen und müssen co-existieren? Welche Hürden liegen noch immer in der Kommunikation, sodass faktisch nur 10% der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland biologisch bewirtschaftet werden? Und deutet der sich in den letzten Jahren verdoppelte Umsatz von Biolebensmitteln darauf hin, dass Bio das Allheilmittel für unsere kollektive Sorge um die Natur ist?

Was die über 4.000 Aussteller*innen und über 47.000 Fachbesucher*innen, die dieses Jahr auf der Biofach zusammenkamen, vereint, ist das Verständnis, dass “Bio wirkt”. In einer Zeit, die durch das Gefühl geprägt ist, immer etwas besser machen zu wollen als zuvor, liefert Bio für viele genau diese Konnotation. Das Gefühl, etwas “Gutes zu tun” kommt bei den meisten an, auch wenn es vielleicht gar nicht so einfach zu verstehen ist, was das genau bedeutet.

Vielleicht ist es sogar unmöglich, denn es gibt so vielfältige Formen des Verständnisses und Wirkungsbereichs von Bio, wie es dahinter Menschen gibt, die das Konzept zum Leben erwecken. Beim Durchwandern der Biofach begegnen wir den unterschiedlichsten Weltbildern. Dabei entdeckt man die Altruist*innen, die aus purer Überzeugung und mit viel intrinsischer Motivation den Markt bereits als Pionier*innen - teilweise aus der Öko-Bewegung der 70er - vorangetrieben haben. Neben den jährlich zuwachsenden Startup-Aussteller*innen ist auch die Industrie sehr präsent, die immer mehr in diesem aufstrebenden Markt mitspielt und voraussichtlich noch mehr mitspielen wird.
Der so entstehende Wald an Produkten wird für Kund*innen hauptsächlich durch Zertifikate geordnet. Es ist jedoch schwierig, die Bandbreite an Zertifikaten, und wofür sie genau stehen, wirklich zu durchschauen. Solche Überforderung kann Misstrauen auslösen. Gerade in Anbetracht der vielfältigen Schattierungen des Angebots - von Kleinst-Familienunternehmen bis Großindustrie - heißt es auch oft “Bio ist nicht gleich Bio”. Worauf gilt es tatsächlich zu achten? Welchem Siegel kann man für welches Produkt vertrauen? Da es sich um hochkomplexe Systeme und vielfältige Kriterien handelt, braucht man als Verbraucher*in eigentlich viel Zeit, um je nach eigenen Prioritäten und Wertevorstellungen, die beste Entscheidung zu fällen. Schlussendlich passieren die meisten Kaufentscheidungen intuitiv - hier ist Vertrauen und Aussagekraft gefragt und das braucht mehr als Zertifizierungen.

Um Vertrauen zu Kund*innen aufzubauen, bedarf es ehrlicher Emotionen und Verbundenheit zu den dahinter liegenden Taten. Erst dann kann die Aussagekraft authentisch wirken. Hierbei reicht es nicht mehr das Produkt in den Vordergrund zu stellen, denn dann sind wir wieder in dem unübersichtlichen Wald. Dabei sollte man vielleicht wissen, dass man Menschen auf drei Ebenen in der Kommunikation erreichen kann: auf der Ebene der Ästhetik, der des Intellektes und der der Emotionen. Wobei die letzte die stärkste Ebene ist, die Menschen auch tatsächlich zum Handeln bewegen kann. Ein Produkt oder ein Zertifikat allein können keine Emotionen bei uns auslösen. Beziehungsweise können sie es erst, wenn sie in Verbindung mit Menschen und ihren persönlichen Geschichten stehen. In Bezug auf Bio und in Anbetracht des gerade wachsenden Marktes, ist dies besonders wichtig, weil der Begriff durch den Anspruch “etwas richtig zu machen” mit viel Emotionalität behaftet ist.

Es ist eindeutig: Bio boomt und wird, wenn auch ganz langsam, zum Mainstream. Auch ist es längst nicht mehr so abwegig, dass Bio das eigentliche “normal” ist. Vielleicht ist es auch gar nicht so abwegig, dass künftig eher Kennzeichnungen notwendig sein werden, die aufzeigen dass beispielsweise ein Produkt nicht garantieren kann, dass keine Kinderarbeit in der Produktion involviert war. Oder dass die Landwirte keine fairen Preise für ihre Produkte bekommen haben. Doch bis dahin, braucht es noch viele überzeugende und ehrliche Geschichten aus der Biowelt.


*Wir bedanken uns bei Bioland, die uns dieses Jahr eingeladen haben, um einen Workshop zum Thema “Storytelling” auf ihrem Stand der Biofach 2020 zu halten.