18. Jun 2020 | 5 Min.

Acker Statt Theater



In unserem letzten Post #SupportYourLocal haben wir die Möglichkeiten aufgelistet, wie die Lücken gefüllt werden können, die in der Landwirtschaft durch fehlende Gastarbeiter*innen aufgrund von Corona entstanden sind. Wir haben mit jemandem gesprochen, der dem Ruf nachgegangen ist und sich wirklich in die Lebensmittelproduktion begeben hat: Ursula Berlinghof, eigentlich freischaffende Schauspielerin. Sie hat ihren Beruf coronabedingt vorübergehend verloren und ist auf das bayerische Land gegangen, um auf zwei verschiedenen Höfen zu arbeiten. Wir wollten wissen: Wie ist es wirklich? Ist es denkbar, dass künftig mehr Menschen in und aus Deutschland in die Lebensmittelproduktion gehen?


Ursula Berlinghof, Dein Beruf als Schauspielerin ist durch Corona quasi (vorübergehend) verschwunden, was hat das in Dir ausgelöst?
Das Gefühl einer Vollbremsung bei rasender Fahrt. Ich war ausgebucht bis Februar 2021. Im März glaubte man ja noch an ein vorübergehendes Phänomen. Im November werde ich dann ca. 120 Vorstellungen nicht gespielt haben. Weil mittlerweile auch Produktionen der nächsten Spielzeit abgesagt werden, wenn sie zu groß und nicht corona-tauglich sind. Damals im März gab es ein fürchterliches Besäufnis mit Kollegen, einmal wurde der Tochter ins Telefon geschluchzt, dann begann ich umzudenken. Freischaffende Schauspieler sind darin an sich sehr trainiert. Inzwischen glaube ich, Theater wird nur in homöopathischen Dosen möglich sein vor Entwicklung eines Impfstoffes. Es werden jetzt Kleinstproduktionen geplant vor handverlesenem Publikum, das ist unwirtschaftlich und macht mir auch nicht die allergrößte Lust.

Was hat Dich dazu bewegt in der Zwischenzeit auf einem Bauernhof zu arbeiten? 
Genetische Vorbelastung: meine Familie mütterlicherseits stammt von einem Hof im Sudetenland. Die schönsten Kindheitserinnerungen haben mit Kaninchen, Bachläufen, Fröschen und Kartoffeläckern zu tun. Der verzweifelte Ruf der Bauern nach Erntehelfern. Die strenge Nacherziehung seitens meiner Tochter in Sachen nachhaltiger Ernährung. Die Unlust, bei Penny Regale einzuräumen…

Wie geht es anderen Kolleg*innen? Was machen sie? Sind viele in der Landwirtschaft?
Ehrlich gesagt bin ich, glaube ich,weit und breit die Einzige aus meiner Branche, die der Depression in ein solches Paralleluniversum entflieht. Insgesamt auch die weitaus Älteste. Aber alle auf den Höfen aktiven - Studenten, Berufsanfänger, FÖJtler - sind mit großer Begeisterung dabei. Die Verzweiflung ist gro? in der freien Theaterlandschaft, den subventionierten Stadttheaterkollegen geht es natürlich besser.


Auf welcher Art Hof hast Du gearbeitet, wie lange und was genau waren Deine Aufgaben?

Zunächst war ich 11 Tage in gut bezahlten 10-Stundenschichten auf der Hopfenfarm Metzger in der Hallertau. 90 Hektar Hopfen mussten in einem Wettlauf mit der Zeit „angeleitet“ werden. Das heisst, die Triebe werden mit zarter Hand um die Steigdrähte gewickelt, bevor sie rasend schnell wachsen, dreissig Zentimeter pro Tag und dann nicht mehr einzuholen sind. Jetzt bin ich auf dem Biobauernhof Hofbauer in Pemfing in der Oberpfalz, für zunächst zwei Wochen. 2500 Hühner in fünf Wanderställen, sieben schwarzhaarige Schweine und ca 100 Rinder in Mutterkuhhaltung. Unfassbar viel Arbeit auf einem Riesenanwesen: Eier einsammeln, Hühner pflegen, verkackte Eier waschen, alle Eier stempeln, sortieren, verpacken, Unkraut jäten mit der Hand, Schweine füttern, überall Hand anlegen, die Aufzählung könnte noch eine Seite füllen... Alles für Kost, Logis und Familienanschluss, das nennt sich Woofing und ist eine Freiwilligenarbeit. Eigentlich für jugendliche Sinnsucher, Praktikanten oder Soziales-Jahr-Absolventen, nun auch für freilaufende Schauspieler...

Welche von den verschiedenen Tätigkeiten machst du am Liebsten und warum?
Im Hopfen waren es die frühen Morgenstunden auf dem Feld, wenn es still war unter den Kollegen, die Arbeit noch leicht von der Hand ging und das Licht über dem flachen Land dramatisch schön war. Auf dem Biohof ist es das Umsetzen der Wanderhühnerställe an einen neuen Platz, eine frische Wiese. Wenn die Damen-Hühner irritiert und selig über den Laufsteg neues Gelände betreten, ein wahrer Astrid-Lindgren-Moment.

Welche Herausforderungen hat man als Mitarbeiterin auf einem Hof, wenn man es zu ersten Mal macht?
Keine Ahnung halt von garnichts. Also ununterbrochen Ohren und Augen aufsperren. Nicht entmutigen lassen, wenn man sich dämlich anstellt.


Welche Erwartungen hattest du an die Arbeit auf dem Hof? Welche wurden erfüllt, welche nicht und warum?

Eigentlich hatte ich keine bestimmten Erwartungen, ich war einfach nur wahnsinnig gespannt, ob man miteinander auskommt, ob man nur blöd im Weg rumsteht. Und beide Erfahrungen sind sehr positiv mit sehr neugierigen, menschlichen Begegnungen, viel Staunen, viel gegenseitigem Respekt, viel Humor. Diese merkwürdige Zeit verhindert nicht nur, sie ermöglicht auch Dinge.

Was hat dich überrascht und besonders beeindruckt?
Beide Höfe sind Familienbetriebe. Das heisst , auf wenige Menschen verteilt sich ein ungeheures Wissen über Pflanzen- und Tierwohl, jedes Tier ist anders, jede Pflanze ist anders, Tier-und Pflanzenpsychologie, Mikrobiologie, einen Maschinen- und Grossfahrzeugpark, Bürokratie, Betriebswirtschaft, Kommunikation. Sehr, sehr komplex alles. Und täglich auch körperlich eine Megaherausforderung. sehr beeindruckend.

Welche Themen beschäftigen die Höfe aktuell?
Beim Hopfenbauern bin ich über aktuelle Themen nicht so gut informiert, beim Biohof Hofbauer geht es brandaktuell um die Zulassung zur Hofschlachtung. Ein hochkomplizierter baulicher und bürokratischer Vorgang, der die Familie seit Monaten umtreibt. Vereinfacht gesagt, geht um das Abwägen von Tierrecht und Lebensmittelrecht in den wenigen Minuten, die zwischen Betäubung und Tod liegen. Den Hofbauers geht es, wie in jedem Moment hier zu spüren ist, ganz extrem um das Wohl des Tieres. Und da ist eine Behörde, die minimal, aber möglicherweise entscheidend, eher das Lebensmittelrecht im Auge hat. Morgen kommt „die Regierung“ auf den Hof und es wird sehr spannend...

Was sollte jeder Städter über die Arbeit auf einem Hof wissen?
Wie schnell sich der ausgebuffteste Großstadtbewohner saublöd und demütig vorkommen kann, wenn er zum Beispiel wie ich das Eierauto in ein Schlammloch fährt und der Bauer mit dem Teleskoplader kommen muss. Wenn der Hopfenstock, den man bearbeitet hat- kann doch jeder! - wie Kraut und Rüben aussieht. Wenn man zum ersten Mal einem ausgewachsenen Stier gegenübersteht. Wenn man am Sonntag in den Ställen Unmengen Scheisse verräumt und das insgesamt den Horizont enorm erweitert.

Würdest du es weiterempfehlen, eine Zeit lang in einem landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten und warum?
Unbedingt. Weil grundsätzlich ein Blick hinter die Kulissen den Respekt vor der Arbeit des anderen fördert. Zumindest in solchen Betrieben, wie ich sie kennengelernt habe. Schlachthöfe in Niedersachsen sollten vielleicht ebenfalls besucht werden, aber da ist aus gutem Grund kein Laienblick erwünscht. Ein anderer Umgang mit Lebensmitteln, das Fleisch beim Aldi liegen lassen, gerne mehr Geld bezahlen und Druck auf die entsprechende Politik machen, könnte unser Dasein schon ein bisschen verändern.

Auf welche Weise verändert die Erfahrung auf dem Hof den eigenen Blick auf Lebensmittel?
Natürlich werden kein Ei, kein Bier, kein Schweineschnitzel, kein Rinderknochen mehr achtlos und ohne Bild im Kopf verspeist. Ich achte aber sowieso schon länger darauf, was ich kaufe und wie ich es möglichst selbst zubereite, das ist also alles Wasser auf meine Mühlen.

Wenn du frei zwischen den beiden Berufen wählen könntest, was würdest du tun?
Ich bleibe natürlich bei meinen Leisten und dem, was ich kann. In meinem wie im Bauernberuf zählen Handwerk, Erfahrung, Liebe und Zeit. Auf einem Hof würde ich für lange Zeit ein Stümper bleiben. Aber wenn mich das Schicksal von vornherein dahin verschlagen hätte, wäre ich vermutlich nicht unglücklich gewesen.

Gibt es sonst noch etwas, was Du unbedingt mit der Welt da draußen teilen möchtest nach dieser Erfahrung?
“Seltn an Schoden, wo need an Nutzn dabei is.” Heisst es in Niederbayern. (Übersetzt: “Selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist.”)

Zur Veranschaulichung hat Ursula ein Video über Ihre Zeit auf der Hopfenfarm gedreht.